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Dienstag, 28. November 2017, 20.00 Uhr
PATERSON
Deutscher Titel: Paterson

Tragikomödie mit Adam Driver, Golshifteh Farahani, Barry Shabaka Henley, Cliff Smith, William Jackson Harper
Chefkameramann: Frederick Elmes
Musik: SQÜRL
Producer: Joshua Astrachan, Carter Logan
Drehbuch, Regie: Jim Jarmusch
USA 2016, 118 Min.
Originalversion mit Untertiteln

In seiner Tragikomödie Paterson erzählt Indie-Ikone Jim Jarmusch aus dem Alltag eines dichtenden Busfahrers (Adam Driver). Dieser teilt mit seiner Heimatstadt Paterson in New Jersey den Namen. Kultregisseur Jarmusch knüpft in seinem zwölften Langfilm an sein Frühwerk an und findet zugleich zu neuer Höchstform. ”Paterson ist ein leises Meisterwerk, das die sonstige laute Kinokonkurrenz stumm machen sollte vor Neid” (Frankfurter Allgemeine). ”Etwas so Schönes wie Paterson gab es lange nicht im Kino zu sehen” (Neue Zürcher Zeitung). Shootingstar Adam Driver spielte den jungen Mann aus der TV-Serie Girls (2013) und - jeweils gezeigt von Filme im Schloß - im Musikfilm Inside Llewyn Davis (2012) der Coen-Brüder sowie als Hipster-Prototyp mit Hut in den beiden Noah-Baumbach-Komödien Frances Ha (2012) und While We’re Young (Gefühlt Mitte Zwanzig, 2014).

Paterson, der dichtende Busfahrer, gespielt von Shootingstar Adam Driver

Wenn der Busfahrer Paterson (Adam Driver) zur Mittagszeit sein Sandwich verzehrt, kann es ihm passieren, daß er in seiner Lunchbox eine Postkarte mit dem Konterfei des florentinischen Dichters Dante Alighieri entdeckt. Denn Paterson ist ein Lyrik-Fan, mehr noch: ein richtiger Aficionado, und seine Ehefrau Laura (Golshifteh Farahani) befeuert die Begeisterung ihres Gatten als Muse und Hausfrau so gut sie nur kann.

Gedichte sind also Patersons tägliches Brot. Und wenn er mit seinem Bus durch Paterson kurvt - denn seine Heimatstadt in New Jersey heißt genauso wie er - , dann hat er den Kopf voller Poesie. Und sobald er die Hände vom Steuer nimmt, sein Notizbuch auspackt und zum Kuli greift, verfaßt er die schönsten Liebesgedichte. Natürlich sind sie allesamt Laura gewidmet, schon weil bereits Petrarca seine Gedichte einer Laura gewidmet hat. Mögen andere Männer im Hobbykeller an Werkbänken schwitzen, Paterson verfertigt in seinem Gedichte!

Auch Jim Jarmusch hat seinen neuen Film als Gedicht angelegt. ”Paterson” spielt an sieben Wochentagen, und jedem Tag ist hier eine ”Strophe” gewidmet. In jeder variiert Jarmusch sein Thema, wie der Titel es vorgibt: Es geht hier um Paterson, den Mann und die Stadt. Schon die zweite Strophe teilt zu beiden Protagonisten nichts wesentlich Neues mit. Stets folgt die Handlung der gleichen Alltagsroutine.


Paterson (Adam Driver) auf dem Weg zur Arbeit

”Paterson” ist Jarmuschs handlungsärmster Film seit ”Permanent Vacation”, dem Debüt von 1980, in dem er einen Teenager auf eine nahezu ereignislose Tour durch die Lower East Side schickte. ”Ich würde lieber einen Film über jemanden machen, der seinen Hund ausführt, als über den Kaiser von China”, hat Jarmusch einmal gesagt. Mit ”Paterson” hat er diesen Film nun wirklich gedreht.

Dem pünktlichen Erwachen seines Titelhelden, täglich kurz nach sechs, folgen morgendliche Zärtlichkeiten und ein karges Frühstück. Dem Fußweg zur Arbeit schließt sich ein Plausch mit immer demselben, immer deprimierten Arbeitskollegen an. Auch während der Fahrt durch die Stadt: immer die selben Straßenzüge, nur die Dialoge der Fahrgäste unterscheiden sich. Bei jeder Heimkehr nach Hause steht der Briefkasten schief und eine kulinarische Extravaganz auf dem Tisch, doch an beides hat sich Paterson scheinbar gewöhnt. Zur Routine gehört schließlich auch das Feierabendbier in der Nachbarschaftskneipe, wo der Barmann ihn schon erwartet. Und zu der Paterson stets Marvin mitnimmt: Marvin ist eine englische Dogge und, wie sich später herausstellen wird, der einzige wirkliche Antagonist in Patersons sonst so beschaulicher Existenz.

So harmonisch wie das Eheleben, das er beschreibt, ist der ganze Film geraten, seine Haltung zu seinen Personen ist absolut liebevoll und entspannt. Doch so lyrisch und so heiter es in ihm auch zugeht, Jarmusch ist es ernst. Mit der kleinstädtischen ”Magical Mystery Tour”, in dem Alltagsgeschehnisse ihren ganz großen Auftritt haben, hat der Minimalist des amerikanischen Kinos seine Poetik des Filmemachens in Bilder gefaßt.

”Gedanken sind nur in Dingen”, lautet eine programmatische Zeile in einem langen Gedicht mit dem Titel ”Paterson”, das der Dichter William Carlos Williams in den Vierziger- und Fünfzigerjahren verfaßte, und von dem sich Jarmusch zu seinem Film anregen ließ. ”No ideas but in things” heißt es nun auch in seinem ”Paterson” in einem Rap, den Method Man vom Wu-Tang Clan in einem Waschsalon zum Besten gibt. Nicht nur Williams' poetische Prämisse, ”daß ein Mensch sich selbst eine Stadt ist”, findet sich auf der Leinwand gespiegelt. Auch teilt Jarmusch dessen Überzeugung ”Alles und jedes ist brauchbar als Stoff für Gedichte. Alles.” Nur münzt er sie aufs Kino um.


Laura, Patersons Geliebte (Golshifteh Farahani), bildet den extrovertierten Gegenpol zum stillen Poeten.

Williams schrieb über Alltägliches. Er dichtete so schmucklos, wie Edward Hopper malte und Walker Evans knipste, die beiden anderen Heroen des Regisseurs. Und wie Jarmusch auch hier wieder filmt. Mal ist es eine Schachtel Streichhölzer, auf die Patersons Blick (und der Blick der Kamera) fällt, was ein langes Streichholz-Gedicht Patersons nach sich zieht. Später ist es die zunächst ganz periphere Geschichte eines in der Kneipe streitenden Paars, die im Verlauf dieses sonst doch so lakonischen Filmgedichts schließlich sogar dramatische Dimensionen annimmt.

Aus solchen Bruchstücken der alltäglichen Dinge fügt sich ”Paterson” zusammen. Aus ihnen entsteht der Formenreichtum des Films. So wie Laura während der Abwesenheit ihres Mannes der Wohnung mit wenigen schwarzweißen Mustern immer wieder ein neues Aussehen gibt, erhält auch Patersons scheinbar gleichförmiges Leben täglich einen neuen Twist.

”Als lebte man im 20. Jahrhundert”, fühlt sich Laura nach einem gemeinsamen Kinobesuch. Natürlich haben sich die zwei einen alten Schwarzweißfilm geguckt. Zeitlich zurückversetzt darf man sich aber auch in ”Paterson” wähnen. Dank des konzentrierten Blicks auf die äußere Wirklichkeit besitzt Jarmuschs Old-School-Hommage an die amerikanische Dichtkunst selber geradezu klassische Qualitäten.

Jörg Schöning:Spiegel online

Laura (Golshifteh Farahani) und Paterson (Adam Driver)

Walking out of Jim Jarmusch’s Paterson last May at Cannes, I felt like it was the closest the director had come to making an artistic manifesto. Having seen it again, I’m even more convinced. Jarmusch first arrived in New York back in the 1970s with dreams of becoming a poet, and although he quickly gave that up for music and filmmaking, poetry has remained a touchstone for him: Christopher Marlowe appeared as a character in his last film, Only Lovers Left Alive, and the hero of his Zen western, Dead Man, was named William Blake.

Paterson is the purest distillation yet of his aesthetic. The title refers to the town in New Jersey as well as the character: Adam Driver plays a man named Paterson, who lives in Paterson. (It also refers to William Carlos Williams’s masterpiece Paterson, an epic poem about splendor in the everyday.) Paterson goes through his daily routine: waking up, talking to his wife, Laura (Golshifteh Farahani), driving a bus, walking his dog. The language of real life drifts in and out of his world. He hears men talking about women, kids talking about revolution and coffee, a rapper practicing his rhymes, a co-worker complaining about his family. He carves his poems, slowly, patiently, out of all that mundane material. ”We keep plenty of matches in our house,” he writes. ”Recently our favorite brand is Ohio Blue Tip, though we used to prefer Diamond Brand.” Then he goes on to fixate on the match’s shape and megaphone-like logo. That may not sound like much, but Paterson keeps coaxing the words until he lands on the image of one of those matches ”lighting, perhaps, the cigarette of the woman you love for the first time.”

This poetry sounds...not unlike a film by Jim Jarmusch, steadily building meaning and beauty out of simplicity and routine. Jarmusch’s movies usually have tangible narrative arcs - even if they’re loose and subdued - but Paterson is resolutely undramatic, following a week in this man’s life with minimal changes in his day-to-day. And yet, with each step, the film gains depth. Small variations in routine start to feel monumental, and the briefest encounter can seem like a sign of something great.

But while Paterson channels his experiences into his poems, Laura is an artist of a different sort, always searching for new outlets for her creativity: learning an instrument, redecorating the house, designing an outfit, baking cupcakes. For her, expression is freedom, and she feels free to try any- and everything; for Paterson, we suspect, creation involves stripping away, honing and sharpening. And while the film’s attention is given over to Paterson himself -I have several colleagues who feel that Jarmusch’s narrative shortchanges Laura - her competing energy suggests that these two, in their own way, complete each other.

Driver’s defining quality heretofore has been his intensity, so he might not have seemed the right choice for a part like this. But he grows into it beautifully: Paterson is a big lug who drives a big bus, and the actor is able to convey thought without ever seeming self-absorbed. Paterson might be composing poems in his mind, but he’s also aware of his world; he lives in the moment, absorbing the bits and pieces around him and shaping them into something new.

But there’s an edge to him, too: You can see how, in another context and setting, this gentle soul could be tough. (Like Driver himself, Paterson is a veteran, and at one point he has to quickly disarm an armed man; he does so efficiently.) Maybe that’s the secret to the character and the film’s centeredness - Paterson’s calmness seems more pronounced because we have this slight, queasy sense that it could tip over. There are many moments that, in other films, could presage the beginning of something more dramatic: a shouting match; an automotive failure; a random, puzzling encounter or two. But the film keeps its even keel. So maybe there are two sides to Jarmusch’s manifesto: Finding joy and beauty in the everyday is not just an aesthetic priority, he seems to suggest, but an existential imperative for the uneasy soul.

(Adam Driver placed second in the best actor category of our film poll. That’s not why he looks pensive.)

Bilge Ebiri: The Village Voice, New York<