Nächster Film
Dienstag, 4. April 2017, 18.00 und 20.15 Uhr
THE AGE OF KRISTEN STEWART (4)
STILL ALICE
Deutscher Titel: Still Alice - Mein Leben ohne Gestern

Drama mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parish, Daniel Gerrol
Chefkameramann: Denis Lenoir
Originalmusik: Ilan Eshkeri
Producer: Lex Lutzus, James Brown, Pamela Koffler
Drehbuch, Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
USA 2014, 97 Min.
Originalversion mit Untertiteln

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Die Geschichte einer strahlend erfolgreichen Frau in den Fünfzigern (Julianne Moore), die an einer seltenen frühen Form von Alzheimer erkrankt. Moore wurde für ihre subtile Darstellung mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar für die weibliche Hauptrolle, Golden Globe und Independent Spirit Award. In der Rolle des jüngsten von drei erwachsenen Kindern brilliert die großartige Kristen Stewart.

Mutter und Tochter: Julianne Moore, Kristen Stewart

[...] Still Alice heißt der Film, in dem Julianne Moore eine Frau verkörpert, die ihrem scharfen Intellekt eine Karriere als Linguistik-Professorin an der Columbia University verdankt und weiß, daß sie in naher Zukunft nichts mehr wissen wird, weil sie an Alzheimer leidet. Nicht, wie die drei erwachsenen Kinder heißen. Nicht, was eine Columbia sein soll. Nicht, wo sich im Strandhaus der Familie die Toilette befindet. Und nicht, wer sie selbst ist. Es gibt keine körperliche Veränderung oder äußere Entstellung, auf die Julianne Moore die Darstellung des Krankheitsverlaufes stützen könnte. Was Alzheimer im Gehirn der fünfzigjährigen, glücklich verheirateten New Yorker Professorin Alice Howland anrichtet, kann sie nur mit ihrem Gesicht erläutern, ja, genau genommen nur mit den Augen und ihrem immer ratloser, hilfloser und leerer werdenden Blick.

Um die grandiose Leistung Julianne Moores in Still Alice umfänglich zu honorieren, muß man sich klarmachen, wie schmal der Grat ist, der den schleichenden, latent sichtbaren Prozeß geistiger Entleerung von den Klischeebildern der Verblödung trennt. Und was es heißt, die absolute Wehrlosigkeit einer Frau zu zeigen, die gerade noch als Akademikerin brillierte und sich nun wie ein Kleinkind einnäßt, weil sie den Weg zur Toilette nicht findet, und gleichzeitig die Würde dieser Frau als Subjekt zu wahren. Die Zurückhaltung, mit der Julianne Moore derart heikle Szenen anlegt, geht letzten Endes nicht nur auf das Konto großer Schauspielkunst, sondern auch auf das künstlerischer Moral. Dafür mußte es den ohnehin längst verdienten Oscar ganz einfach geben.

Das Drehbuch, das auf dem Romanbestseller Mein Leben ohne Gestern basiert, von Richard Glatzer und Wash Westmoreland entwickelt und verfilmt wurde, kommt dieser Zurückhaltung allerdings entgegen. Für die Verhältnisse des amerikanischen Erzählkinos, das Krankheitstragödien und daraus folgende Familientragödien liebt, ist Still Alice so nüchtern-realistisch wie möglich und so sentimental ergreifend wie nötig. Es gibt weder schmachtende Dialoge noch gewollt steigernde Kollateraltragödien in der Familie der Alzheimerpatientin.


Alice (Julianne Moore) zu ihrem Mann: ”Warum konnte ich nicht einfach Krebs bekommen?”

Der Ehemann John (mit zärtlicher Robustheit von Alec Baldwin dargestellt) wird für Alice da sein, aber er wird sein eigenes Leben nicht für sie aufgeben. Die Kinder Anna, Tom und Lydia (großartig: Kristen Stewart) sind, was den Plot entpathetisiert und auf Alice konzentriert, alt genug, um einen Weg zwischen Selbstfürsorge und Fürsorge zu finden. Ein Film, der bei diesem Thema in keine einzige Falle tappt, muß deswegen kein cineastisches Meisterwerk sein. Aber höchst anerkennenswert ist er auf alle Fälle. In der ersten Szene feiert Alice Howland mit dem Ehemann und den Kindern ihren 50. Geburtstag im Restaurant. In der zweiten steht sie vor einem Hörsaalpublikum und hält einen Vortrag über kindlichen Spracherwerb. Die pralle Lebensfülle einer zeitgenössischen Frau auf ihrem biografischen Zenit entfaltet Still Alice so zügig wie glaubhaft.

Ein winziger Riß tut sich auf. Mitten im Vortrag fällt Alice ein Begriff nicht ein. Sie stockt, überspielt den Moment mit einem Scherz. Kurz danach erlebt sie den nächsten rätselhaften Aussetzer. Beim Joggen auf dem Campusgelände kennt sie sich plötzlich nicht mehr aus. Alice spürt: Etwas stimmt nicht. Etwas, das nichts mit Stress oder den Wechseljahren zu tun hat.


Lydia (Kristen Stewart), die jüngere der beiden Töchter, gibt nach der Erkrankung der Mutter die eigenen Träume rückhaltlos auf.

Ab nun ist ihr die Disziplin anzusehen, sich nicht gehen zu lassen, ihren Verstand zusammenzureißen, weil das Gegenteil der Krankheit in die Hände spielt. Kontrolliert bis in jeden Gesichtsmuskel, teilt sie bei einer Familienkonferenz den Kindern mit, daß sie an einer Form von Alzheimer leidet, die vererbbar ist. Und auf dem Höhepunkt des verzweifelten Versuchs, die Kontrolle über ihr sich auflösendes Selbst zu bewahren, sitzt sie vor dem Rechner und nimmt ein Video auf, für die Alice, die sie in naher Zukunft sein wird.

Man muß sich Julianne Moore einfach anschauen, in dieser Rolle einer überwältigend liebenswerten und zur Liebe fähigen Frau, deren Gehirn zu dem Kind zurückkehrt, das sie ganz am Anfang des Lebens war.

Ursula März: Zeit Online

Links: Alec Baldwin (Vater John Howland) und Julianne Moore (Alice); rechts: Kristen Stewart (Lydia) und Julianne Moore (Alice)

[...] Still Alice contains one of Stewart’s peak achievements, in part because she grasps Lydia Howland as a scrupulous observer, not a self-exhibitor, which actors playing actors almost never do. In their scenes together, she extracts a moving and layered directness from Julianne Moore, a wizard at parts requiring conceptual approaches and stylized technique who has sometimes struggled to ”just be” on screen. With Stewart, the master becomes the apprentice in a sense, and Moore aces that deceptively difficult aspect of her role.

Directors and castmates who work with Stewart regularly find themselves making a movie they wouldn’t have tried with anyone else, or executing their project in novel ways. They also discover, as we do, that further, secret movies lie within the images on screen and inside Stewart’s bravely restrained, non-prescriptive performances, spurning usual protocols of acting and meaning-making and stoking our imaginative engagement.

Nick Davis: Film Comment, New York

Auszeichnungen (Auswahl):
Preise für die beste Hauptdarstellerin (Oscar; Golden Globe; Film Independent Spirit Award; Hollywood Film Award; National Board of Review; Gotham Independent Film Award, New York; Screen Actors Guild Award; British Academy Film Award) - jeweils Julianne Moore.

Kristen Stewart
”Die vielleicht spannendste amerikanische Schauspielerin ihrer Generation” (Süddeutsche Zeitung). Wurde durch die Verfilmung derTwilight-Bestseller berühmt, war aber in vergangenen Jahren vor allem im Independent-Film aktiv, unter anderem Adventureland (Regie: Greg Mottola), The Yellow, Handkerchief (Das gelbe Segel; R: Udayan Prasad), Welcome to the Rileys (Willkommen bei den Rileys; R: Jake Scott); On the Road (R: Walter Salles), Still Alice (R: Richard Glatzer / Wash Westmoreland), Camp X-Ray (R: Peter Sattler), Clouds of Sils Maria (Die Wolken von Sils Maria; R: Olivier Assayas), Anesthesia (R: Tim Blake Nelson), American Ultra (R: Nima Nourizadeh), Equals (R: Drake Doremus), Personal Shopper (R: Olivier Assayas), Café Society (R: Woody Allen), Certain Women (R: Kelly Reichardt). Neuester Film ist der vor kurzem in den Kinos angelaufene Billy Lynn’s Halftime Walk (Die irre Heldentour des Billy Lynn; R: Ang Lee).

Wurde 2016 als erste amerikanische Darstellerin mit dem César-Preis ausgezeichnet (für Clouds of Sils Maria), dem französischen Pendant zum amerikanischen Oscar, und präsentierte beim Sundance Film Festival 2017 mit Come Swim ihr experimentelles Regiedebüt (17 Min.). Plant als nächstes einen Kurzfilm über gun control.